Annemasse – Lons le Saunier
Kolumnen von Rolf Gölz

Kategorie: Tagesgeschehen

Kolumne

Das „Muster der Tour“ hat sich auch auf der mittelschweren Bergetappe von Annemasse nach Lons le Saunier fortgesetzt. Eine Ausreißer-Gruppe ist früh enteilt, aber diesmal auch ins Ziel gekommen. Und das Peloton war froh, dass es eine Ausreißer-Gruppe – und Ruhe – gab. Die Gesamtklassements-Kandidaten und auch die Sprinter haben sich ausgeruht und einen relativ lockeren Tag gehabt. Ich hatte die Hoffnung, dass Crédit Agricole und T-Mobile auf dem Col de la Faucille, dem einzigen Berg der zweiten Kategorie, Tempo machen und versuchen Robbie McEwen abzuhängen. Der Australier wirkt nicht mehr so stark. Ich denke, heute war die letzte Chance für Zabel, das Grüne Trikot zu holen. Im direkten Sprint gegen McEwen hat Zabel, wie wir im Sprint um Platz sieben gesehen haben, nicht die Chance, 13 Punkte aufzuholen. Wenn McEwen auf den Champs Elysées nicht sehr schlecht fährt, dann gewinnt er das Grüne Trikot. Das Gelbe Trikot ist ebenso wie das Bergtrikot schon vergeben, nur um das Weiße Trikot entbrennt im Einzelzeitfahren ein Kampf zwischen Thomas Voeckler und Wladimir Karpets. Sandy Casar hat eventuell auch noch Chancen. Interessant war heute eine kleine Episode: Filippo Simeoni wollte zu einer Acht-Mann-Gruppe stoßen, die neun Kilometer nach dem Start weggefahren ist; unter anderem waren da Ronny Scholz und Nicolas Jalabert dabei, sind aber wegen Defekt zurückgefallen. Simeoni wollte hinspringen, und Armstrong hat es gesehen. Die beiden sind seit ihrem Disput vor einigen Jahren keine Freunde. Simeoni hatte Dr. Michelle Ferrari, der unter anderem auch Lance Armstrong betreut, der Verabreichung von EPO beschuldigt. Armstrong hat Simeoni darauf hin einen Lügner genannt. Heute wollte Armstrong ihm das Rennen verderben, ihm kräftig in die Parade fahren. Ihm war absolut klar, dass er - und eben auch Simeoni - nicht fahren gelassen würden. So kam es auch, T-Mobile und CSC haben sofort reagiert. Eigentlich sollte Armstrong darüber stehen, solche Rache-Aktionen zu machen, aber das ist ein Teil seines Naturells. Armstrong ist der unumwundene Herrscher der Tour de France, der große Patron. Er macht hier was er will – aber das kann er meiner Meinung nach auch. Er hat sich intensiv auf diese Tour vorbereitet, jetzt erntet er die Früchte seiner Arbeit. Gestern wollte er Floyd Landis die Etappe gewinnen lassen, heute diese Aktion. Er weiß, dass er die Tour gewinnen wird. Sonst hätte er es nicht gemacht. Andererseits, mittlerweile wird es fast schon ein bisschen viel mit seinen Sperenzchen...Es wirkt schon etwas überheblich, dass muss nicht sein. Fährt Armstrong im kommenden Jahr noch einmal die Tour? Ich glaube, das weiß er selbst noch nicht. Eins ist klar: Die Tour ist das größte Rennen, Armstrong ist eindeutig der stärkste Fahrer. Er hat Freude am Radfahren und an der Perfektion. Wenn er im kommenden Jahr noch Rennen fährt, dann will er auch das größte Rennen gewinnen. Ich empfehle ihm, 2005 mal zu probieren sowohl bei den Klassikern gut zu fahren, als auch den Giro d’Italia und die Tour de France unter die Räder zu nehmen!

Stand: 01. November 2006