Bourg d’Oisans – Le Grand Bornand
Kolumnen von Rolf Gölz

Kategorie: Tagesgeschehen

Kolumne

Lance Armstrong hat alles unter Kontrolle: Am Berg, im Bergzeitfahren, im Sprint – und wahrscheinlich auch im Einzelzeitfahren. Sein Team US Postal hat hervorragend gearbeitet, gerade weil diese Etappe schwer zu kontrollieren war: Gleich zu Beginn gab es zwei Schwierigkeiten, die beiden letzten Berge waren ebenfalls sehr schwer. Am letzten Anstieg, zum Col de Croix Fry, hat Armstrongs Teamkollege Floyd Landis die Gruppe dezimiert, oben auf dem Gipfel war allen klar, dass es keine Veränderungen im Gesamtklassement geben würde. Armstrong, der Patron, hat entschieden, dass Landis sein Glück versuchen soll und hat ihm wohl geraten auf der Abfahrt zu attackieren. Landis tat wie ihm geheißen. Jan Ullrich war ganz aufmerksam, und ist sofort hinterher. Auch Armstrong fand schnell den Anschluß. Zu dritt fuhren sie dem Ziel entgegen – und diskutierten. Ullrich hat die beiden „Postals“ wohl aufgefordert zu fahren. Diese wiederum wollten ihn nicht zum Zielstrich im Windschatten ziehen. Das müssen sie auch nicht. Weil sie die Beine etwas hoch genommen hatten, fuhr die Gruppe von hinten wieder ran. Auf dem Flachstück hat Floyd Landis es dann noch einmal probiert. Andreas Klöden, der kurz zuvor gekämpft hatte, um den Anschluß zu halten entschloss sich zu einer genialen Attacke: In dem Augenblick, als die Gruppe die drei Spitzenreiter Armstrong, Ullrich, Landis einholte, ist er mit Schwung vorbei gefahren. Besser kann man es nicht machen! Es sah so aus, als würde er die Etappe gewinnen, leider wurde er wenige Meter vor dem Zielstrich eingeholt. Sein einziger Fehler ist, dass er sich im Sprint noch einmal umgedreht hat. Er wusste ja, dass es eng werden würde. Wenn man sich dann umdreht und sieht, dass eine Gruppe heranstürmt, ist das ein kleiner moralischer Schlag. Sehr schade für Klöden, dass es nicht geklappt hat. Armstrong hat den Sprint gewonnen. Nachdem es nicht mit Landis geklappt hat, war er sicherlich super motiviert selbst zu siegen. Es ist sein dritter Etappensieg in Folge, sein vierter bei der Tour 2004, plus den Sieg im Mannschaftszeitfahren. Er ist der absolute Chef im Ring. Rolf Aldag hatte es gleich zu Beginn probiert und war mit einer frühen Ausreißergruppe auf einer langen Flucht den ganzen Tag unterwegs. Man muss es immer wieder probieren, manchmal klappt es. Wahrscheinlich hat es heute nicht geklappt, weil Gilberto Simoni Teil der Ausreißergruppe war. Bemerkenswert finde ich auch Richard Virenque: Sein Kampfgeist ist wahnsinnig, jeden Tag ist er vorne unterwegs. Zusammen mit Christophe Moreau ist er am Col de Madeleine aus dem Feld nach vorne gefahren, zu den Ausreißern. Eine tolle Leistung des Franzosen.

Stand: 01. November 2006