Bergzeitfahren Alpe d’Huez
Kolumnen von Rolf Gölz

Kategorie: Tagesgeschehen

Kolumne

Eine absolut außerirdische Leistung von Lance Armstrong! Aber auch Jan Ullrich war super unterwegs. Als man seine Zwischenzeiten sah, dachte man: Mensch, Armstrong muss sich anstrengen, wenn er diese Zeit erreichen will. Mit seinem kleinen Gang, seiner unglaublich hohen Trittfrequenz sah es so aus, als ob er nicht vorankommt. Bei den Zwischenzeiten – und vor allem im Ziel wurde diese Einschätzung dann widerlegt. Der Amerikaner hatte nach 15,5 Kilometern 1:01 Minuten Vorsprung auf Ullrich herausgefahren. Chapeau – Hut ab. Man kann eigentlich nur hoffen, dass er Tour-Sieg Nummer sechs holt, denn er hat es wirklich verdient. Er ist bei weitem der Stärkste, und der Stärkste soll gewinnen. Wenn er die Etappe nach Le Grand Bornand übersteht, dann ist auch das Zeitfahren kein Problem. In Alpe d’Huez hat er auf jeden Fall einen „big point“ eingefahren. Auch Ullrich ist großartig gefahren, es ist sensationell, wie er sich gesteigert hat seit den Pyrenäen. Er zeigte sich heute als der Ullrich, den wir uns erhofft hatten. Ich denke, er hätte – bei seiner Vorbereitung - auch ohne seine Erfahrungen auf den ersten Bergetappen keine Chance gegen diesen überragenden Armstrong. Es wäre aber zumindest drin gewesen, dass er Armstrong einen engeren Kampf geliefert hätte. Im Augenblick hat er knapp acht Minuten Rückstand auf den Amerikaner, der Tour-Sieg ist nicht möglich. Ullrich ist derzeit auf dem Leistungsstand, den er eben haben kann. Er könnte möglicherweise auf der schweren Alpen-Etappe nach Le Grand Bornand und im Einzelzeitfahren von Besancon noch versuchen ein wenig Zeit gutzumachen, große Differenzen wird es zwischen ihm und Armstrong aber nicht mehr geben. Es wäre aber durchaus möglich, dass mit Ullrich und Andreas Klöden zwei Deutsche auf dem Podium in Paris stehen. Damit könnten wir wirklich zufrieden sein – das ist auch sehr schön für den deutschen Radsport. Apropos Deutsche: Dass Jens Voigt auf der Strecke von deutschen Fans ausgebuht wurde, ist eine Schande. Er hat sich zu recht aufgeregt nach dem Rennen. Wer so etwas macht, der weiß einfach nicht, wie Radsport funktioniert. Voigt hat auf der Etappe nach Villard de Lans von seinem Sportlichen Leiter die Order bekommen, Tempo zu machen, um Ullrich einzuholen. Was würde man sagen, wenn T-Mobile-Fahrer Guiseppe Guerini sich weigern würde Ivan Basso einzuholen, weil er ein Landsmann ist?! Es ist einfach nur beschränkt, sich über so etwas derart aufzuregen. Voigts Teamkollege Ivan Basso ist für mich der große Verlierer des Tages, er hat zwar noch den zweiten Platz im Gesamtklassement verteidigen können, spürt aber den Atem von Andreas Klöden in seinem Nacken. Der Italiener ist eigentlich ein Bergfahrer – und kein allzu guter Zeitfahrer. Für ihn wäre es wichtig gewesen, noch einmal Zeit auf Klöden und Ullrich gutzumachen. Bei einem Bergzeitfahren kann man in aller Regel von einem Bergfahrer erwarten, dass er vorne ist. Guiseppe Guerini ist ebenfalls ein Berg-, und kein Zeitfahrer, war aber heute vorne. Möglicherweise haben Basso die Nerven einen Strich durch die Rechnung gemacht; er ist noch jung und kann lernen. Francisco Mancebo und Georg Totschnig sind ebenfalls unter ihren Leistungsstand gefahren. Nach Totschnigs drittem Platz am Plateau de Beille hatte man insgeheim gehofft, dass er sich in den Alpen noch steigern kann. Im großen und ganzen war es heute ein Riesen-Fest des Radsports. Armstrongs Kritik, dass man hier kein Bergzeitfahren machen sollte, fand ich überzogen. Man könnte allerdings die komplette Strecke mit Barrieren versehen. Man hat einige Szenen gesehen, in denen Zuschauer erst im allerletzten Moment weggesprungen sind. Vor allem die, die fotografieren, haben oft ein Problem einzuschätzen, wann sie wegspringen müssen. Es wäre wirklich schade gewesen, wenn jemand zu Fall gekommen wäre und das Ergebnis negativ beeinflusst worden wäre.

Stand: 01. November 2006