Carcasonne – Nimes
Kolumnen von Rolf Gölz

Kategorie: Tagesgeschehen

Kolumne

Die heutige Etappe war ein halber Ruhetag für die Favoriten. Bis zu dem Zeitpunkt, als die Gruppe weg ging, war es ein sehr animiertes Rennen. Viele Fahrer wussten, dass sich die Leute für das Gesamtklassement - und deren Mannschaften - ausruhen wollten, und suchen ihre Chance. Eine ähnliche Etappe habe ich gewonnen, als es aus den Pyrenäen nach Blagnac ging. Ich habe mich in den Bergen geschont, bin mit möglichst wenig Kraftaufwand gefahren. Innerlich habe ich schon die Messer gewetzt, für die Etappe nach den Pyrenäen. Bei mir hat es damals geklappt. Heute morgen vor dem Start sind sicherlich 50 Mann mit ähnlichen Plänen in die Etappe gegangen. Wichtig war natürlich, dass die Zusammensetzung der Gruppe stimmt, und alle Ausreißer entsprechend viel Zeit Rückstand im Gesamtklassement haben. Deshalb hat die Mannschaft des Gelben Trikots dann auch keine Nachführarbeit geleistet. Es wäre an den Sprinter-Teams gewesen, die Ausreißer einzuholen, aber die meisten Teams sind mittlerweile relativ dezimiert. Nur auf den letzten zehn Kilometern sind sie noch einmal aktiv geworden, denn es ging um Platz elf – oder 15 Punkte im Punkte-Klassement ums Grüne Trikot. Für die weiteren Platzierungen ist die Punkte-Vergabe gestaffelt. Zwischen Platz elf und Platz zwölf gibt es keine großen Unterschiede. Man muss allerdings mitsprinten. Denn wenn man das nicht tut, hat man schnell 10 Punkte Rückstand in der Punkte-Wertung. Robbie McEwen hat in Nimes vier Punkte mehr geholt als Zabel, es wird relativ schwer für Zabel, das noch einmal gutzumachen. Er muss in den Alpen bei den Zwischensprints punkten, denn in Paris hat McEwen voraussichtlich die Nase vorn. Rückblickend erscheint es logisch, dass Zabel sich in St.Flour darüber aufgeregt hat, dass Andreas Klöden ihm den zweiten Etappenrang wegschnappte. Die zwei Punkte könnten ihm am Ende in Paris fehlen. Zur Ausreißer-Gruppe: Wer letztendlich gewinnt, muss nicht der Stärkste sein. Das ist ein Spiel – ein psychologisches Spiel, ein Glücksspiel. Wem gelingt die entscheidende Attacke, wer hat das richtige Gefühl, den Renninstinkt, günstigen Wind. Wenn alles stimmt, muss man es natürlich durchziehen können. Igor Gonzalez de Galdeano hat es probiert, wurde aber schnell eingeholt. Aitor Gonzalez, der spätere Etappensieger, hat den richtigen Moment erwischt, die anderen Fahrer haben sich zu lange angeschaut. Schade für Peter Wrolich, ich hätte ihm den Sieg gegönnt. Er hat bislang sehr viel gearbeitet, vor allem für Danilo Hondo. Er hatte heute eine riesige Chance, ein Tour-Etappe zu gewinnen, so viele gute Chancen gibt es nicht. Er wird sich in den Arsch beißen, das es nicht geklappt hat. Man muss sein Glück in die Hand nehmen und losfahren, oder zumindest im Finale mitfahren, wenn ein anderer geht. Er ist ein guter Sprinter, und hat wohl darauf spekuliert, dass es zum Sprint kommt. Heute hat er sich leider verpokert.

Stand: 01. November 2006