Castelsarrasin – La Mongie
Kolumnen von Rolf Gölz

Kategorie: Tagesgeschehen

Kolumne

Ein sensationell überraschender Ausgang der Etappe – man könnte den ersten Tag in den Pyrenäen unter das Motto „das große Favoritensterben“ stellen. Tyler Hamilton, Roberto Heras und Jan Ullrich verraucht. Das war eine ganz schwere Niederlage für die Drei, die die Tour gewinnen wollten – natürlich speziell für Ullrich. Es wird sehr schwer sein, diese verlorenen Minuten wieder aufzuholen. Andererseits weiß man nie, was in der Tour passiert: es wäre nicht das erste Mal, dass sich so ein Ding noch mal dreht. Seit ich die Tour verfolge, habe ich schon einige solcher Wendungen erlebt. Es könnte möglicherweise am Wetter gelegen haben, bzw. am krassen Wechsel der Witterungsbedingungen: Im Flachen war es dreißig Grad Celsius, fast schon eine Hitzeetappe. Dann sind die Fahrer in den starken Regen gekommen, danach hat es aufgeklart und wurde wieder warm. Ich kenne das noch aus meinen Radprofi-Tagen, da kann man schon komische, geradezu matschige Beine bekommen. Man hat dann keine Spannung mehr in der Muskulatur. Das ist eine Erklärung, warum so viele heute eingebrochen sind. Eine tolle Leistung von Ivan Basso, er hat sich gut weiter entwickelt. Einer der sich – im Gegensatz zu Ullrich – das ganze Jahr auf die Tour vorbereitet. Einer der versucht seine Grenzen weiter rauf zu schrauben, besser zu werden. Und nicht versuchen, auf den letzten Drücker die alte Form wieder zu finden. Basso ist einer der neuen Generation, die sich durchsetzen wird. Das ist schade für Jan Ullrich. Aus deutscher Sicht ist es eine schöne Erkenntnis, das Andreas Klöden vorne mitfährt. So wie er heute gefahren ist, können wir noch einiges von ihm erwarten. Er ist jetzt sicher die zweite Spitze von T-Mobile. Es war auf jeden Fall richtig, dass er seine Chance wahrgenommen hat. Guiseppe Guerini war bei Jan Ullrich dabei, ein weiterer Mann an seiner Seite hätte ihm nichts gebracht. So hat T-Mobile wenigstens noch einen Mann relativ nahe dran an Lance Armstrong. Nicht zu denken, wenn Alexander Winokurow bei der Tour dabei wäre. Mit seiner Form des Vorjahres wäre er an Armstrong drangeblieben, dann wäre Ullrich raus... Er hat heute definitiv eine entscheidende Niederlage erlitten, ob es die entscheidende Niederlage war, wird sich zeigen. Er sollte auf keinen Fall die Flinte ins Korn schmeißen, aber das ist nicht sein Stil. 1998 ist er am Tag nach der Niederlage in Les Deux Alpes schließlich auch am nächsten Tag glorreich „wiederauferstanden“ und siegte in Albertville. Ich möchte Lance Armstrong widersprechen, wenn er sagt, dass seine Mannschaft die stärkste ist. Das Team ist nicht brillant wie in vergangenen Jahren, bei weitem nicht so stark wie beispielsweise 2002. Meiner Meinung nach ist auch Lance Armstrong nicht so stark wie sonst. Thomas Voeckler hat das Gelbe Trikot verteidigt. Im Rahmen seiner Möglichkeiten hat er alles ausgeschöpft, mehr ist ihm nicht zuzutrauen. Auf der nächsten Etappe zum Plateau de Beille wird er es sehr schwer haben und wahrscheinlich verlieren.

Stand: 01. November 2006