9.Etappe: St.Léonard de Noblat - Guéret
Kolumnen von Rolf Gölz

Kategorie: Tagesgeschehen

Kolumne

Eine sagenhaft tolle Etappe mit einem superspannenden Finale. Sogar ein alter Hase wie ich bekam da noch Gänsehaut, in mir stieg auf den letzten Kilometern vor dem Ziel das Adrenalin in die Haarspitzen. Aber bleiben wir chronologisch: Die erwarteten Ausreißer haben früh angegriffen, und es waren „perfekte Ausreißer“: weit zurück im Gesamtklassement. Ideal für Brioches-La Boulangere, das Team des Gelben Trikots von Thomas Voeckler. Sie haben sie kontrolliert fahren lassen und hatten einen relativ ruhigen Tag. Als Inigo Landaluze von Euskaltel und Filippo Simeoni von Domina Vacanze bereits einige Minuten Vorsprung hatten, entschloss sich Karsten Kroon zu den beiden aufzuschließen. Die Aktion des Rabobank-Profis war zum Scheitern verurteilt, alleine kann man das unmöglich schaffen. Im Finale hat Crédit Agricole, die Mannschaft des schnellen Thor Hushovd, das Heft in die Hand genommen. Zu Beginn war das nicht mehr als ein Versuchsballon: Es wird eine zeitlang Tempo gemacht und geschaut, wie schnell der Vorsprung schmilzt. Nach und nach haben sich die anderen Sprinter-Teams, vor allem Quick Step-Davitamon, dazu gesellt. Nur Lotto-Domo hat extrem wenig Verfolgungsarbeit gemacht. Der Vorsprung der zwei Ausreißer ist schnell zurück gegangen. Das ist immer so, wenn „die Hunde Blut gerochen haben“. Fünf Kilometer vor dem Ziel hat Juan Antonio Flecha die organisierte Verfolgungsarbeit mit seiner „Kamikaze-Attacke“ etwas durcheinander gebracht. Sein Angriff war unsinnig, denn alleine hätte er die zwei Führenden sowieso nicht mehr eingeholt. Die kurze Unstimmigkeit spielte ihnen natürlich in die Hände. Mit 17 Sekunden sind sie auf den letzten Kilometer gegangen. Circa 800 Meter vor dem Ziel haben sie aber meiner Meinung nach das Rennen verloren, weil sie angefangen haben sich zu belauern und einen Tritt ausgelassen haben. Landaluze erschien mir stärker, er hätte die Initiative ergreifen müssen. Weil aber jeder den Sieg wollte, haben die beiden sich gegenseitig neutralisiert und die entscheidenden Meter verloren, die ihnen dann gefehlt haben. Im Massensprint bewies Robbie McEwen eiserne Nerven: Der Australier ist zwischen den beiden eingeholten Fahrern und der Bande durchgefahren. Er hat Risiko genommen, wurde dafür aber mit dem Etappensieg belohnt. Er ist eben ein Vollblutsprinter. Im Sprint wurde Tom Boonen behindert, Stuart O’Grady und Thor Hushovd waren stark, aber McEwen war stärker. Eine Anmerkung habe ich noch: Das die Tour de France-Organisation am Ruhetag zwei Rennfahrer vom weiteren Rennen ausgeschlossen hat, weil es ein Doping-Verfahren gegen sie gibt, halte ich für sehr fragwürdig. Solange sie nicht verurteilt sind, ihre Schuld also bewiesen ist, gelten sie als unschuldig. Und sollten im Rennen bleiben. Mir ist klar, dass die Tour aus Imagegründen das Thema Doping möglichst weit von sich schieben möchte, ich persönlich halte das für eine Überreaktion.

Stand: 01. November 2006