6.Etappe: Bonneval - Angers
Kolumnen von Rolf Gölz

Kategorie: Tagesgeschehen

Kolumne

Die sechste Etappe folgte dem erwarteten Muster der Tage zuvor: von Anfang an gingen wieder Attacken – sie waren wohl ermutigt von dem erfolgreichen Ausreißversuch auf der fünften Etappe nach Chartres. Auf der sechsten Etappe herrschten jedoch völlig andere Bedingungen: Es gab ein klares Gelbes Trikot, das Thomas Voeckler und seine Mannschaft auch noch möglichst lange verteidigen wollen. Brioches-La Boulangere hat den ganzen Tag Tempo gemacht in der Nachführarbeit, die Fluchtgruppe hat nie mehr als viereinhalb Minuten Vorsprung bekommen. Am Ende der Etappen haben dann die Teams der Sprinter das Loch vollends zugefahren. Diese Situation hat man schon bei vielen Etappen der Tour de France 2004 gesehen. Interessanterweise hat die Quick Step-Davitamon-Mannschaft sich schon sehr früh an der Spitze des Hauptfeld gezeigt – die haben frühzeitig gezeigt, dass sie was vorhaben! Tom Boonen, der schon vor der Tour de France seine tolle Form mit Etappensiegen bei der Deutschland-Tour unter Beweis gestellt hat, war auf den ersten Etappen nie unter die ersten Drei gekommen, jetzt hat es geklappt. Er hat in Angers klar und verdient gewonnen, seinem Antritt konnte niemand folgen. Der Belgier gehört der neuen Generation von jungen Fahrern an, das zieht sich wie ein roter Faden durch die bisherige Saison. Ich finde es unheimlich schön, dass es bislang viele verschiedene Etappensieger gibt, es ist offener denn je. Jeder Tag bringt eine Überraschung – und das ist auch gut so, weil wir einen langen Anlauf haben, bevor es in die Berge geht. Aufreger des Tages war natürlich der Massensturz, direkt unter dem Teufelslappen, ein Kilometer vor dem Ziel. Glück im Unglück für einige Sturzopfer, die auf das Gesamtklassement fahren: Innerhalb des letzten Kilometers gilt bei Stürzen oder Defekt, dass die Fahrer die Zeit der Gruppe angerechnet bekommen, in der sie ursprünglich fuhren. Das ist teilweise schwer zu durchschauen von den Kommissären des Radsport-Weltverbands UCI. Bei kleineren Rennen gibt es da teilweise Ungerechtigkeiten, aber bei der Tour wird mit gesundem und fairen Augenmaß entschieden. Die Klassementsfahrer sollten sich eine gedankliche Notiz machen, und in Zukunft vielleicht nicht unbedingt auf dem letzten Kilometer vorne mit dabei sein wollen. Die Straße ist einfach zu eng für alle, dadurch steigt natürlich die Sturzgefahr. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, allen Fahrern am Teufelslappen die selbe Zeit zu geben, denn sonst hat man im Finale immer neben den Supersprintern die Fahrer, die meinen, dass sie ebenfalls mitsprinten müssen. Und dann sind da noch, wie gesagt, die Klassements-Fahrer, die keine einzige Sekunde verlieren wollen. Bei sechzig Stundenkilometern reicht im geballten Feld der kleinste Fahrfehler, dass es zum Massensturz kommt. Bremsen kann man dann nicht mehr. Das ist so, als ob man im Stadtverkehr fährt, und ein kleines Kind springt auf die Straße...

Stand: 01. November 2006