1.Etappe: Lüttich - Charleroi
Kolumnen von Rolf Gölz

Kategorie: Tagesgeschehen

Kolumne

Es war eine sehr animierte Etappe. Sehr schnell, schon nach sieben Kilometern, hat sich nach Attacken eine Spitzengruppe mit fünf Fahrern vom Feld gelöst. Man konnte damit rechnen, dass jemand wie Jens Voigt antritt. Er hatte alle Chancen auf ein Gelbes Trikot, er hat es schon einmal getragen, er wollte es unbedingt holen. Voigt hatte sich Hoffnungen gemacht, in einer Ausreißergruppe Zeitbonifikationen einzufahren. Es war auch klar, dass das Fassa Bortolo-Team nicht zulassen würde, dass eine Ausreißer-Gruppe den Etappensieg unter sich ausmacht. Die „Fassas“ hatten zwei Gründe, um Tempo zu machen. Erstens wollten sie das Gelbe Trikot von Fabian Cancellara verteidigen, zweitens haben sie mit Alessandro Petacchi einen Sprinter, für den sie eine Massensprintankunft in Charleroi herbeiführen wollten. Er ist schließlich der absolute Top-Favorit gewesen. Es wurde den ganzen Tag sehr schnell gefahren, das Feld hat sich oft in kleinere Gruppen aufgesplittet. Deshalb haben sich so gut wie alle Klassements-Favoriten vorne im Feld aufgehalten. Wenn man einmal abreißen lassen muss, ist man weg. Hinten sind einige abgefallen, unter anderem Bradley McGee und Mario Cipollini. Der Italiener hat nach seinem Sturz sehr lange gebraucht, um wieder nach vorne ins Feld zu kommen. Nachdem die Fünfer-Spitze eingeholt war, fuhren zwei Fahrer vorne raus: Jakob Piil von CSC und Marc Wauters von Rabobank. Es war jedoch eigentlich von Anfang an klar, dass die beiden eingeholt werden. Nicht nur Fassa Bortolo, sondern auch Lotto-Domo, T-Mobile und Gerolsteiner haben Nachführarbeit geleistet. Die Tempoarbeit, die Fassa Bortolo leisten musste, um die Ausreißer einzufangen, hat sie wohl einige Körner gekostet. Im Finale in Charleroi waren sie auf den letzten Kilometer eindeutig zu langsam. Sie sind nicht schnell genug gefahren, um Petacchi in die beste Position für den Sprint zu lancieren. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite eröffnete Crédit Agricole für Thor Hushovd einen zweiten Sprinter-Zug. Der Norwegische Meister hat dann den Sprint eröffnet, und Jaan Kirsipuu fuhr in seinem Windschatten. Der Este ist dann kurz vor dem Ziel vorbeigezogen, hat den Etappensieg auf dem Silbertablett gereicht bekommen. Alle anderen Sprinter hatten sich das Hinterrad von Petacchi gesucht, und fuhren dann sozusagen „im falschen Zug“. Als Sportlicher Leiter würde ich Fassa Bortolo empfehlen, morgen während der Etappe weniger zu arbeiten, und dafür im Finale eine höherer Geschwindigkeit fahren zu können. Die Schnellsten waren meiner Meinung nach Danilo Hondo und Robbie McEwen. Die beiden kamen von relativ weit hinten mit einer hohen Endgeschwindigkeit. Ich denke, dass Petacchi im Finale früh rausgenommen hat, auf der zweiten Etappe wird mit ihm zu rechnen sein. Das Schöne ist, dass es in diesem Jahr aber kein Petacchi-Festival gibt, sondern ein Festival verschiedener Sprinter. Das Gelbe Trikot wird Fabian Cancellara auf der zweiten Etappe wohl schon in den Zwischensprints verlieren, Thor Hushovd liegt im Gesamtklassement nur zwei Sekunden hinter dem Schweizer. Auf der ersten Etappe hat er aber noch einmal mit „Zähnen und Klauen“ gekämpft, in den Zwischensprints um die Sekunden gespurtet und sein Gelbes noch einmal einen Tag verteidigt. Im Finale hat er sogar noch Tempo gebolzt für die Mannschaft. Respekt!

Stand: 01. November 2006