Prolog Lüttich
Kolumnen von Rolf Gölz

Kategorie: Tagesgeschehen

Kolumne

Alle Favoriten außer Lance Armstrong sind nicht so gefahren, wie man erwartet hatte. Der haushohe Favorit Bradley McGee nicht, auch Tyler Hamilton und Iban Mayo liegen für ihre Verhältnisse ordentlich zurück. Jan Ullrich hat 15 Sekunden verloren auf den Amerikaner, auf nur sechs Kilometern. Überraschend viel. Ich hätte höchstens mit fünf bis acht Sekunden Unterschied zwischen den beiden großen Favoriten gerechnet, ganz gleich, wer vorne gelegen hätte. Das ist eine der großen Nachrichten des ersten Tour-Tages in Lüttich. Es sind jedoch nur sechs von knapp 3400 Kilometern, man sollte diese Ergebnis auch nicht überbewerten. Armstrong hat jetzt einen kleinen moralischen Vorteil. Genauso, wie im vergangenen Jahr Ullrich, als er im Prolog in Paris Armstrong fünf Sekunden abgenommen hat. Das Ergebnis in Lüttich hat Armstrong Auftrieb gegeben, er weiß dass er toppfit ist – auf dem richtigen Weg. Er hat eine sehr gute Form, und wird diese auch drei Wochen halten können. Nach diesem Prolog ist er für mich wieder der absolute Favorit. Das ist gut für Jan Ullrich: Die ganze Last der Favoriten-Bürde lastet jetzt auf Armstrongs Schultern. Ullrichs Zeitverlust ist kein Beinbruch. Die Euphorie, die nach seinem Tour de Suisse-Sieg da war, ist jetzt etwas gebremst, das kann ihm nur gut tun. Jens Voigt ist auf Rang sieben, mit elf Sekunden Rückstand, der beste Deutsche. Er ist ein guter Zeitfahrer – das wissen wir. Die Tatsache, dass Mario Cipollini sich zurückgemeldet hat, ist für mich die zweite Nachricht des Tages. Ich hatte ihn ehrlich gesagt schon abgeschrieben, nach seiner bislang verkorksten Saison. Offensichtlich hat er gut trainiert, und eine gute Basis. Ich denke er wird in den Sprints wieder vorne mitmischen. Das ist toll: Ein „Cipo“, fast wie in alten Zeiten, ein Alessandro Petacchi in Hochform, dazu ein Baden Cooke und ein unerwartet starker Erik Zabel – die besten Zutaten für ein packendes Sprinter-Festival. Danilo Hondo liegt mit nur neunzehn Sekunden Rückstand theoretisch in Schlagweite des Gelben Trikots. Der Kampf der Sprinter um Zeitgutschriften, Etappensiege und schlussendlich das Gelbe wird jetzt die nächsten Etappen bestimmen, wohl bis zum Mannschaftszeitfahren, oder sogar bis zum Zentralmassiv. Fabian Cancellara, der Sieger, ist 23 Jahre alt. Die ganze Saison steht bereits unter dem Stern der Jungen. Damiano Cunego, Fabian Wegmann, Patrik Sinkewitz mit ihren Erfolgen haben mit ihren Erfolgen für Furore gesorgt. Eine neue Generation ist im Kommen, auch bei der Tour de France. Vielleicht gibt es noch mehr Überraschungen. Es wäre schön, wenn neue Gesichter auch bei der „Großen Schleife“ auftauchen würden.

Stand: 01. November 2006